Wie Dich Selbsthilfegruppen in Deiner Depression gefangen halten können

Wenn Du meinen Blog schon länger verfolgst, dann weißt Du ja schon, dass ich mit meiner chemisch-pharmazeutischen Antidepressiva-Behandlung alles andere als zufrieden war. Da es mir nun unter den Medikamenten immer schlechter ging, habe ich natürlich nach weiteren Möglichkeiten Ausschau gehalten, um meine Depression zu bekämpfen.

In diesem Zusammenhang bin ich damals auf die Idee gekommen, mich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen. Schließlich möchte keiner mit seiner Depression alleine sein. In der Selbsthilfegruppe hatte ich endlich das Gefühl, mit meinen Problemen nicht der Einzige zu sein. Ich fand Rückhalt von anderen Betroffen und fühlte mich verstanden.

Es war so schön, mich mit Gleichgesinnten auszutauschen, dass ich im Endeffekt drei bis vier Abende pro Woche in unterschiedlichsten Selbsthilfegruppen verbrachte.

Ich denke mit gemischten Gefühlen an diese Zeit zurück. Denn eigentlich hat es mir Spaß gemacht, ein paar ebenfalls Betroffene kennenzulernen. Und ich habe auch tatsächlich die nötige Energie und Motivation zusammenraufen können, um so gut wie regelmäßig teilzunehmen.

Mit der Zeit bemerkte ich jedoch, dass es mir insbesondere direkt nach den Sitzungen alles andere als gut ging. Später ließen mich die düsteren Gedanken auch Stunden oder gar Tage nach den Sitzungen nicht mehr los.

Daher beschloss ich schweren Herzens, auf meine abendlichen Treffen zu verzichten. Heute weiß ich, dass dies die beste Entscheidung war, die ich treffen konnte. Warum, das erzähle ich Dir in meinem heutigen Beitrag.

 

Selbsthilfegruppen – die Qual der Wahl

Wie ich Dir bereits sagte, habe ich an mehreren Selbsthilfegruppen teilgenommen. Das lag nicht nur daran, dass es mir zunächst Spaß machte. Das Angebot war so verführerisch groß, dass ich mich nicht entscheiden konnte. Natürlich wollte ich auch bei der „besten“ mitmachen, den größtmöglichen Erfolg verbuchen.

Ich weiß gar nicht mehr, wie viele Gruppen es damals bei mir in der Nähe gab. In Großstädten gibt es aber meist mehrere Dutzend Angebote. Dazu kommen noch Online-Foren und Facebook-Gruppen.

Selbsthilfe oder Gruppentherapie?

Bevor ich mich wirklich dazu durchringen konnte, meinen Selbsthilfegruppen „Ade“ zu sagen, habe ich mich ausführlich mit dem Thema beschäftigt.

Ich war so überrascht: Nahezu alle Bücher und Internet-Ratgeber zum Thema Depression empfahlen den Besuch von Selbsthilfegruppen. Täuschte ich mich also? Taten mir die Gruppen gut, ohne dass ich es merkte?

Doch dann begann ich meine Gruppen genauer zu analysieren. Ich fragte mich, was denn Selbsthilfe überhaupt bedeutet. Der Sinn von Selbsthilfegruppen sollte ja eigentlich darin liegen, dass sich Betroffene über ihre Erfahrungen austauschen und sich gegenseitig Tipps geben.

Im Unterschied zu klassischen Psychotherapien gibt es keinen professionellen Therapeuten. Wie der Name schon sagt, helfen sich die Betroffenen selbst.

Ich begann über meine Gruppen nachzudenken. Tatsächlich wurde etwa die Hälfte von ihnen in irgendeiner Weise „angeleitet“. In einer gab es einen Diplom-Psychologen, in einer anderen einen Psychologie-Studenten, der uns moderierte und Tipps gab.
Ich musste mir eingestehen, dass einige meiner Gruppen eher den Kriterien einer Gruppentherapie entsprachen.

Schließlich stieß ich auf wissenschaftliche Arbeiten, die diesbezüglich zu ähnlichen Ergebnissen kamen: Viele Selbsthilfegruppen sind in Wahrheit Gruppentherapien.

Gefangen im Teufelskreislauf durch Verstärkung negativer Gedanken

Gerade wenn wir es mit Depressionen zu tun haben, laufen wir Gefahr, unkontrollierbare negative Gedankengänge zu haben.

Selbstverständlich sollte jeder Teilnehmer meiner Ansicht nach das Recht haben, seine Trauer, Ängste und Probleme offen in der Gruppe darzulegen. Es kann aber nicht nur darum gehen! Wir anderen sollten versuchen, anhand unserer eigenen Erfahrungen Tipps zu formulieren.

In einigen Treffen hatte ich das Gefühl, dass das Ziel der Gruppe ist, dass ein Teilnehmer nach dem anderen sein Leid klagt – ich natürlich auch. Aber geholfen haben wir uns dadurch nicht.

Im Nachhinein waren das die schrecklichsten Treffen für mich. Ich sah mein eigenes Leid und das Leid der anderen. Keiner sprach von Auswegen oder Lösungen. Wir präsentierten uns stattdessen alle wie „Opfer“ unserer eigenen Depression.

Manchmal hatte ich das Gefühl, dass einige Teilnehmer sich mit ihrer Depression abgefunden hatten. Vielleicht ist das ein zu positiver Ausdruck dafür. Was ich eigentlich meine, ist, dass sie sich und den Kampf gegen die Depression aufgegeben hatten. Das einzige, was ihnen blieb, waren die tröstenden Worte der anderen Gruppenteilnehmer.

Klar, in einem solch negativen Klima können sich negative Gedanken verstärken – und das war auch bei mir der Fall. Ich hatte nun nicht mehr nur mit meiner Depression zu kämpfen, sondern nahm die düstere Stimmung der Sitzungen und die Probleme der anderen mit nach Hause.

Das Hauptproblem von Selbsthilfegruppen ist meiner Meinung nach, dass die gegenwärtige Meinung dort meistens ist, dass die Depression eine Krankheit ist, mit der eher der Umgang gepflegt wird, als wirklich nach Ursachen und Lösungen zu suchen.

Traurig, aber wahr: Ich hatte oft das Gefühl, dass einige Teilnehmer sogar nach einer Bestätigung für ihre negativen Gedanken suchten und diese sogar noch den anderen Teilnehmern aufdrücken wollen. Dieses Verhalten liegt leider in der Depression ansich begründet.

Die Depression verursacht per Definition negative und hoffnungslose Gedanken, die Menschen leicht in dem Teufelskreis gefangen halten. Wenn nun mehrere depressive Menschen aufeinander treffen und über ihre Depression sprechen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ein depressives Klima entsteht. Das schafft einen Teufelskreis schlechter Gedanken und die Teilnehner sind mit hoher Wahrscheinlichkeit nach 1 oder 2 Jahren nicht weniger depressiv.

Selbsthilfegruppen und Gruppentherapien sind oft nicht viel mehr als eine verstörende Gruppenkultur, die sich selbst in einem Teufelskreis der Opferrolle gefangen hält, anstatt sich auf die Heilung und die Unterstützung der anderen fokussiert.

 

Die Selbsthilfegruppe kann zum Teil des Lebens und zur Sucht werden

Ich habe beobachtet, wie manche Teilnehmer geradezu nach den tröstenden Umarmungen von anderen lechzten. Das Gehirn wird somit noch darauf konditioniert, dass man für negative Aussagen Belohnungen in Form von Trost und Umarmungen bekommt. Das Gegenteil sollte der Fall sein. Belohnt werden sollte man für Fortschritte. Schließlich fördern Belohnungen die jeweils vorausgegangene Handlung.

Von mir angesprochene alternative Heilmethoden wurden mit “das bringt doch nichts” abgetan.

Leider bringt die Depression auch oft mit sich, dass Betroffene wenig offen für neue Ansätze sind und sich von ihrer Niedergeschlagenheit bestimmen lassen. Insofern kann man viele Selbsthilfegruppen auch als „Depressions-Management-Gruppen“ betrachten, anstatt wirkliche Selbsthilfe zu bieten.

Ich weiß nicht wie es Euch geht, aber ich wollte meine Depression heilen und nicht nur lernen, sie zu managen. Und ja: Depressionen sind defitiv heilbar.

 

Alles schlecht?

In diesen Gruppen reden die Teilnehmer und Organisatoren oft nur über die Probleme, die mit einer Depression behaftet sind. Gedanken und Aussagen wie „Die Welt ist schlecht“, „Alle sind gegen mich“ oder „Alles ist deprimierend“ sind für eine Selbsthilfegruppe typisch.

Jeder der mal ein Meetup oder eine Selbsthilfegruppe mit nicht depressiven Menschen besucht hat, weiß, dass ein ganz anderer Wind weht. Hier wird gemeinsam zielstrebig nach Lösungen und Fortschritt gesucht.

Ich erinnere mich an eine hochgradig suizidgefährdete Frau, die mit den Tränen ringend über den Schmerz nach dem Verlust ihrer Mutter erzählte. Es war schrecklich, sich das Leid anzuhören und übrigens auch für keinen der anderen Teilnehmer hilfreich.

Natürlich bin ich davon ausgegangen, dass die Mutter vor kurzem erst gestorben sei. Ich war sprachlos als ich später erfuhr, dass der Vorfall schon über 20 Jahre zurück lag.

Wenn man nach 20 Jahren Sprachtherapie immer noch mit den gleichen Problem kämpft, hat man in der Zeit wohl wenig Fortschritt gemacht. Man wird es auf diese Weise dann vermutlich auch in den nächsten 20 Jahren nicht mehr schaffen.

Leider steht diese Frau für mich symbolisch für den typischen Teilnehmer. Ich glaube kaum, dass jemand, der seine Depression besiegt hat, noch weiterhin Teil einer Selbsthilfegruppe zu diesem Thema sein möchte. Die allermeisten, die es aus dem Loch geschafft haben, werden sich ganz schnell anderen Dingen widmen.

Bitte versteh mich nicht falsch, ich habe größten Respekt vor jedem Menschen und seiner Geschichte. Da ich selbst 9 Jahre lang in einem ähnlichen Geisteszustand war, kann ich alles bestens nachempfinden. Aber ich glaube nicht, dass es viel bringt, über Jahre hinweg die gleichen Probleme auszudiskutieren.

Depressionen sind heilbar, aber nur wenn wir uns nicht der negativen Gedankenspirale gefangen halten, sondern aktiv nach den Ursachen forschen und diese bekämpfen.

Für mich ist das, was diese Selbsthilfegruppe geleistet hat, keine Form der Selbsthilfe. Im Gegenteil: Das ständige Anhören solcher tragischen Schicksale bringt mich weiter in eine Abwärtsspirale.

Natürlich gibt es auch Personen, die sich selbst glücklich schätzen und kurzfristig besser fühlen, wenn sie hören, dass das Leid von anderen Menschen noch viel schlimmer ist. Die Ursachen der eigenen Depression wird das aber nicht beseitigen.

Helfen Selbsthilfegruppen wirklich niemandem?

Die Frage muss ich mit einem direkten „nein“ beantworten. Sicherlich kommt es hierbei auch auf Deine Persönlichkeit an. Einige Personen lehnen Selbsthilfegruppen aus Prinzip ab, andere schwören auf sie. Ich denke, das musst Du selbst wissen.

Meine persönliche Erfahrung war zwar negativ, aber vielen Leuten haben solche Gruppen in der Tat geholfen. Schon alleine die Tatsache, dass man wieder unter Leute kommt, kann einen positiven Effekt auf das Gemüt haben, denn Depressionen führen häufig zu Isolation und Einsamkeit.

Experten raten aus folgenden Gründen zu Selbsthilfegruppen:

  • man erhält wichtige Informationen und Tipps
  • man hat einen geschützten Raum zum Reden, Zuhören und Verstandenwerden
  • man erhält neue Hoffnung
  • man erfährt, dass man nicht alleine ist
  • man lernt Bewältigungsstrategien
  • man tauscht Erfahrungen aus
  • man kann sich gegenseitig motivieren und Mut machen
  • man kann neue Kontakte knüpfen und Freunde finden

Wie ich Dir schon sagte, habe ich das meiste nicht in Selbsthilfegruppen gefunden. Experten zufolge ist es wichtig, auf die Qualität der Selbsthilfegruppe zu achten. Daher möchte ich Dir raten, bei der Wahl Deiner Gruppe vorsichtig zu sein. Meine negativen Erfahrungen sind sicherlich auch der schlechten Organisation der Gruppen geschuldet.

 

An den folgenden Kriterien kannst Du eine gute Gruppe erkennen:

  • alle Teilnehmer werden als gleichwertige und wichtige Mitglieder der Gruppe behandelt
  • der Fokus liegt darauf, Lösungen zu finden
  • die Atmosphäre ist angenehm und unvoreingenommen
  • das Ziel ist, gemeinsam zu wachsen

 

Warnsignale, die auf eine für Deine Stimmung schädliche Gruppe hinweisen, sind hingegen:

  • bei den Treffen werden nur Probleme betrachtet
  • einige wenige Personen dominieren die Gespräche, während die meisten anderen nur zuhören
  • es gibt einen Gruppenleiter, der nicht auf die Bedürfnisse der Teilnehmer eingeht
  • die Atmosphäre der Gruppe ist negativ, Fortschritt und Unterstützung spielen eine untergeordnete Rolle

 

Das Wichtigste für Dich noch einmal zusammengefasst:

Mein persönliches Fazit ist, dass Du dringend auf die Qualität Deiner Selbsthilfegruppe achten solltest. Wenn Du in solche Gruppen wie ich gerätst, überwiegen definitiv die Schattenseiten.

 

Negative Aspekte bei schlecht funktionierenden Gruppen:

  • Die Depression bringt per Definition negative und aussichtslose Gedanken mit sich. Diese sind in der Gruppe oft das Hauptthema und die Teilnehmer ziehen sich damit schnell gegenseitig runter
  • Selten liegt der Fokus auf konkreter Ursachenforschung und Lösungssuche. Stattdessen werden meist Probleme und Sorgen der Teilnehmer breitgetreten
  • Wenn Deine Depression biochemische Ursachen hat, verfolgt die Gesprächstherapie in der Regel wenig zielführende Ansätze. Das ist auch der Grund dafür, dass so viele Menschen trotz Psychotherapien, Psychopharmaka und Klinikaufenthalten chronischen Depressionen leiden

 

Positive Aspekte bei gut funktionierenden Gruppen:

  • gut funktionierende Selbsthilfegruppen können bei Symptomen der Depression helfen
  • man kann Erfahrungen austauschen und Tipps bekommen
  • die Selbsthilfegruppe löst Betroffene aus der Einsamkeit und ermöglicht das Knüpfen neuer Kontakte
  • man kann sich aussprechen
  • die Gruppe bietet einen geschützten Raum

 

Literatur und weiterführende Informationen: